Kl. Sr Priscilla : Das Leben im Zirkus!
Kl. Sr Priscilla : Das Leben im Zirkus!

Im Jahre 1953 schrieb Kleine Schwester Magdeleine:
“Vielleicht scheint es befremdend, aber seit Jahren habe ich einen geheimen Wunsch: Der Wunsch mit dem Zirkus-Personal zu leben. Die Mühe und die verborgenen Schmerzen der Menschen, welche jeden Tag ihr Leben riskieren, um das Publikum zu unterhalten, sind mir immer sehr nahe gegangen. Ich war auch beeindruckt über die bedrückende, freudlose Stimmung, welche oft vor der Vorstellung auf den Plätzen herrscht...”

An einem internationalen Kongress
der Zirkus- und Schausteller-Seelsorge sprach Priscilla über ihr Leben:

“Die Familie meines Vaters besass einen Zirkus: Zirkus Pilatus. Meine Mutter war nicht aus diesem Milieu, aber sie liebte meinen Vater und wählte und liebte den Zirkus. Sie arbeitete am Trapez in einer Akrobatiknummer der Familie. So überquerte ich hoch über der Piste mit ihr auf dem grossen Seil schon ein oder zwei Monate vor meiner Geburt. Mein Vater verunglückte tödlich bei einer Hochseilnummer, als ich 4 Jahre und meine Schwester ein Jahr alt waren. Wir lebten noch einige Jahre im Zirkus, bis wir zur Grossmutter mütterlicherseits zogen.

Ich habe gute Erinnerungen an die katholischen Schulen, denn die Schwestern nahmen uns, die Zirkus-Kinder liebevoll auf, auch wenn sie wussten, dass es nur für einige Tage war... dies war in den anderen Schulen nicht der Fall. Aber als ich 14 Jahre alt war, wurde ich wegen meiner Zirkus-Herkunft in einem Internat nicht akzeptiert. Danach sprach ich sehr selten von meiner Herkunft.

Angezogen durch das Leben der Kleinen Schwestern Jesu,”Kontemplativ” mitten in der Welt, spürte ich, dass mein Platz bei ihnen war. Auch hier wagte ich nicht von meiner Herkunft zu sprechen. Aber unsere Gründerin, Kl. Sr. Magdeleine hatte eine grosse Liebe zu allen “Nomaden” und träumte von Fraternitäten beim Zirkus und bei den Schaustellern. Ganz zufällig entdeckte sie meine Zirkusherkunft und langsam weckte ihre Zirkusliebe auch die Meinige, welche in mir verborgen und vergraben war. Mit ihr besuchten wir meine Grossmutter in der Schweiz: Das war der Anfang meines Abenteuers mit dem Zirkus den ich sehr gerne habe.

P.S.Lourdes, Priscilla et Joel
Im Jahre 1961, begann ich mein Leben in diesem Milieu, in einer kurz vorher gegründeten Fraternität, beim Zirkus Knie in der Schweiz. Nachher im Laufe der Jahre lebte ich bei Krone in Deutschland, bei Americano und Tribertis in Italien, dann in den Vereinigten Staaten, wo wir nun nach mehreren Zirkusaufenthalten, bei Carson und Barnes eine Fraternität haben.
Wir leben in einem Wohnwagen, mit einem Zugfahrzeug, in welchem eine kleine Kapelle mit der eucharistischen Gegenwart, eingerichtet ist. Diese steht offen für all unsere Freunde, die es wünschen.
In all diesen Jahren wurden wir für ganz verschiedene Arbeiten angestellt: Küche, Billetverkauf, Plazierung des Publikums, Tiere bürsten usw. Carson und Barnes zählt etwa 170 Angestellte, welche zum grossen Teil aus Mexiko, von Peru und auch aus Russland kommen. Wir reisen fast jeden Tag und halten täglich zwei bis drei Vorstellungen; dies ohne einen einzigen freien Tag während neun Monaten.
Ich arbeite in der Schneiderei, zusammen mit einer Peruvianerin. Unsere Arbeit besteht im Austeilen und Versorgen der Kostüme. Wir reparieren und reinigen sie, dazu kommen andere Handreichungen, wie Pflästerchen, Aspirin oder Hustenpastillen verteilen... Natürlich kann man dabei all die Freuden und Leiden des Alltags teilen: Die Freude über eine neue Nummer, die Anfänge eines Kindes in der Piste, der Schmerz über eine missglückte Nummer oder eines Sturzes.

Um das Gleichgewicht in diesem vollgepackten Tagesprogramm zu behalten, wird der Vormittag dem Gemeinschaftsleben, dem Gebet, und den Nachbarn gewidmet. In den Monaten ausserhalb des Zirkus-Milieus nehmen wir uns viel Zeit für Stille und besuchen auch Freunde, welche wir während anderen Zirkus-Saisons kennen gelernt haben. In diesem bewegten Leben und ausgefüllten Tagesprogrammen, gehören wir zu keiner Pfarrei. Wenn wir unterwegs sind, ist es auch schwierig eine Pfarrgemeinde zu finden, welche Messe feiert. Auf das Verlangen der Arbeiter und Artisten im Zirkus haben wir immer versucht unterwegs Priester zu finden, welche an Festtagen oder besonderen Begebenheiten, wie Taufen, Hochzeiten usw. die Messe zelebrieren können. Manchmal, wenn ein Priester fehlt, bereiten und halten wir selbst Beerdigungen oder andere Zelebrationen, wie z.B. einmal die Segnung eines neuen Zirkuszeltes! Es ist eine ganz kostbare Unterstützung, wenn ein Seminarist oder ein Priester einige Wochen mit uns reist, im Zirkus mitarbeitet und für die spirituellen Erwartungen der Leute verfügbar ist.
Da der Zirkus fortwährend unterwegs ist, leben die Menschen in einer etwas geschlossenen Gemeinschaft, in welcher die Vorstellung zum Mittelpunkt wird.

Jeder Teilnehmer arbeitet um dem Publikum Freude und Entspannung zu bringen. Dies verbindet uns auf eine ganz besondere Art und Weise.

N.B.
Die Kleinen Schwestern haben für die Saison 2006 einen weniger anstrengenden Rythmus vorgesehen. Sie werden einige Monate mit einem Zirkus bleiben und nach einer Unterbrechung mit mehr Zeit für Gebet und zum Besuchen von Freunden, einen anderen Zirkus wählen.
Somit sind sie jetzt mit dem Circus Chimera in Texas, dann in Arizona und in Südkalifornien. Von August bis Oktober sind sie mit Big Apple “Sommerquartier” in Walden, New York, dann in Washington DC für die Saisoneröffnung.

Werte des Evangeliums, welche Priscilla im Zirkusleben wahrnimmt:

- Der Verzicht auf unsere eigenen Pläne, weil wir jeden Tag weiterziehen, sowie der Verzicht auf andauernde Freundschaften, denn die Artisten und Arbeiter wechseln oft den Zirkus. Herausforderung jeden Tag neu anzufangen, um ganz im “Heute” zu leben.

- Der gemeinsame Einsatz, um mit all unseren Verschiedenheiten von Nationalität, Rasse, Alter etwas Schönes aufzubauen und auch die Tiere zu integrieren - Offenheit um einander zu akzeptieren.

- Sinn für Humor und über sich selbst lachen können - eine Art Demut, welche die Clowns uns lehren.

- Loslassen, Vertrauen, Risikos auf sich nehmen: Der Trapez-Künstler und Jener der ihn auffängt, errinnern uns stets daran.


In den Vereinigten Staaten leben andere Kleine Schwestern in Baltimore, Chicago, Gallitzin, Paterson, sowie in Anchorage und in Nome (Alaska).
Ein klick um ihr Site zu besuchen.

April 2006