Blumen in meinem Alltag - Kleine Schwestern Jesu

 

 

 

Blumen in meinem Alltag,
K. Sch. Anny Myriam, Biel

 

© Kl. Schwestern Jesu

Ja, die Arbeitsbedingungen sind schlechter geworden Ja, es gibt weniger Personal für dieselbe Arbeit. Immer häufiger spricht man von Stress und Burnout. Auch das trifft zu. Und dennoch…

Seit 24 Jahren arbeite ich im gleichen Betrieb. Er gehört zu einer grossen Supermarktkette in der Schweiz. Viele Jahre war ich an der Kasse. Am Anfang musste ich lernen, jeden Artikel per Hand einzutippen. Dann kam die Revolution des Scannings. Heute scannen viele Kunden ihre Ware selbst. Dank der Gewerkschaft habe ich vor Jahren einen kleinen Kampf um einen besseren Arbeitsvertrag gewonnen, wonach ich von der Kasse in die Textilabteilung versetzt wurde.

Jeden Abend schaue ich zurück auf den vergangenen Tag und notiere mir die kleinen Ereignisse in einer Agenda. Ich sammle die Blumen in meinem Alltag.
Hier sind einige von ihnen:


Mein Arbeitstag fängt am Personaleingang an. Ich gehe durch einen langen Flur und fahre dann mit dem Lift zum Personalbereich der Garderobe. Manchmal schliesst sich die Türe des Liftes vor meiner Nase. Paff! Der Kolleg/in hatte es eilig oder einfach keine Lust auf mich zu warten. Die erste Blume des Tages: ein/e Kollege/in, der auf mich wartet und mich vor dem Lift begrüßt. Danke!

In der Textilabteilung verbringe ich viel Zeit um Ordnung zu schaffen, T-Shirts neu zu falten und das aufzuräumen, was Kunden aus der Packung gezogen haben. Momente des Genervt seins wechseln sich mit schönen Begegnungen ab. Ein Mann nähert sich mir und aus seinem Rucksack sind die Sauerstoffschläuche sichtbar. Er spricht mich an: „Ich möchte Unterwäsche kaufen. Lange habe ich keine kaufen wollen, weil ich dachte, dass ich bald sterben würde. Aber ich lebe noch immer.“ Sein Lächeln erzählt mir von seiner wiedergefundenen und geteilten Lebensfreude. Danke!

Eine Kollegin bittet mich einer alten Dame im Rollstuhl zu helfen. Frau A. ist 101 Jahre alt und bewegt ihren Rollstuhl mit ihren Füßen. Sie hat ihre Einkaufsliste auf der alten Schreibmaschine getippt – um nichts zu vergessen! Der Mut und die Ausdauer dieser Frau tun mir sehr gut. Danke!

Über das interne Telefon ruft mich der Kundendienst in die Waschmittelabteilung. Ein Mann, der von einem kleinen Mädchen begleitet wird, sucht ein Fleckenmittel. Die Zeichnungskünste seines Kindes haben Spuren auf dem Sofa hinterlassen. Er ist Ausländer, sein Deutsch klingt nach Schulbank. Als ich ihn frage, wie seine Tochter heißt, erhellt ein Lächeln sein Gesicht. Liebevoll schaut er das Mädchen an und sagt: „Meine Tochter heißt Soleil (Sonne).

© Kl. Schwestern Jesu "Danke für Soleil und ihren Papa! "

Der Filialleiter kreuzt meinen Weg, gibt mir die Hand und fragt mich, wie es mir geht. Sein Händedruck ist warm und die Frage reicht über eine einfache Höflichkeitsfloskel hinaus. Wir sprechen eine Weile miteinander. Am Ende sagt er zu mir: „Sie haben Glück. Der Glaube hilft. Ich hoffe, dass nach dem Tod noch etwas kommt.“ Danke für jede gereichte Hand und jeden echten Austausch.

Am Samstag verlassen wir das Geschäft um 17.30 Uhr. Oft gehe ich um 18.00 Uhr in die Abendmesse in unserer Gemeinde. In der Bank vor mir sitzt Alphonse aus Burkina. Er ist ein Kollege aus der Abteilung „Fisch“. Sein Tag beginnt sehr früh, denn schon bevor die ersten Kunden kommen, muss er das Eis vorbereiten, auf dem die frischen Fische ausgelegt werden. Dennoch findet er die Kraft, in die Kirche zu gehen. Danke für Alphonse und all meine Kollegen/innen.

Irgendwo habe ich einmal gelesen:
„Dankbare Menschen sind glückliche Menschen.“
Ich bin glücklich, die Blumen in meinem Alltag zu sammeln.

Januar 2020

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