Kleine Schwestern Jesu - Zuhause zwischen den Kulturen


 

Zuhause zwischen den Kulturen

Während meiner Einarbeitung als Zimmermädchen fragte mich eine Kollegin in gebrochenem Niederländisch: „Und du, wo kommst du her?“ „Von hier“ antwortete ich. „Du bist also Holländerin?“ „Ja.“ sagte ich. Sie guckte mich verständnislos an. „Warum machst du dann diese Arbeit? Du könntest doch so viel anderes machen!“

Zimmer putzen in einem Hotel ist harte Arbeit, die darum sehr leicht zu finden ist. Als ich mich in der Putzfirma bewarb, hat man mich nur gefragt, ob ich bereit sei, am Wochenende zu arbeiten. Ohne weiter auf meinen Lebenslauf zu schauen, wurde ich dann sofort angestellt. Und doch wird von uns Putzleuten viel Ehrlichkeit erwartet. .    

Wir kommen ja in die Zimmer und versuchen, zwischen all dem, was dort herum liegt, etwas Sauberkeit und Ordnung herzustellen. Gleichzeitig arbeiten wir ständig unter Zeitdruck, haben selten am Sonntag frei und wissen nie im Voraus, wie viele Stunden wir arbeiten werden. Da wir nach Stunden bezahlt werden, leben wir in der ständigen Ungewissheit, wie hoch der Lohn am Ende des Monats sein wird. Gibt es zu wenig Gäste und damit zu wenig Arbeit, kann man einfach in ein anderes Hotel geschickt werden, manchmal sehr weit weg.

All diese Bedingungen machen diese Arbeit sehr unbeliebt.
Ich habe sie bewusst gewählt. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich nach zwölf Jahren im Ausland bestimmt nicht sofort eine bessere Arbeit bekommen hätte.

Der Kontakt zwischen uns Kollegen und Kolleginnen ist nicht so einfach, weil wir oft keine gemeinsame Sprache haben; sie kommen ja von überall her. Aber weil ich selbst jahrelang im Ausland gelebt habe, ist mir so eine Situation nicht fremd. Und bin ich selber eigentlich noch so ganz „holländisch“?

Ich habe seit meinem Eintritt bei den Kleinen Schwestern noch nie in meinem eigenen Land gelebt. Mein Weg hat mich von Deutschland nach Belgien geführt, und nach meinen Ersten Gelübden wurde ich in den Libanon gesendet, wo ich insgesamt mehr als sieben Jahre verbracht habe.

Meine Muttersprache habe ich in den Jahren im Ausland natürlich nicht vergessen. Aber beim Denken und bei Sprachfehlern, die ich manchmal mache, wird mir deutlich, welcher „Mischtopf“ mein Kopf geworden ist.

Doch die Frage geht tiefer. Die Länder, in denen ich gelebt habe, vor allem der Libanon, haben mich geprägt und bereichert. Ich spüre Dankbarkeit, Freude und sogar Stolz über die „Nahrung“ die ich dort empfangen habe und die mich mit geformt hat zu der, die ich heute bin.
Ich fühle mich aber auch in Holland zu Hause. Einmal hatte ich ausnahmsweise zwei holländische Kolleginnen, mit denen ich herrlich viel reden und lachen konnte. An einem Morgen, als wir noch einen langen Tag vor uns hatten, fiel uns ein Karnevalsschlager ein, in dem es heißt: „Wir gehen noch nicht nach Hause, noch lange nicht, noch lange nicht…“ Und während wir unsere Putzwagen in Ordnung brachten, machten wir im Hotelkorridor ein Tänzchen dazu. Inmitten dieser Freude  war ich plötzlich fast zu Tränen bewegt. Es war wohltuend, dank der gemeinsamen Sprache und Kultur etwas von der Freude und der Schwierigkeit des Alltags ausdrücken zu können. Im Libanon hörte ich meine Schwestern oder andere Leute gerne Lieder singen. Obwohl ich mich dann freute, fühlte ich mich in solchen Momenten auch immer etwas außen vor, weil ich nicht mitsingen konnte. Jetzt, im Hotelkorridor, war ich plötzlich mitten drin.

Sonst fallen mir natürlich die Themen auf, die in der holländischen Gesellschaft heute aktuell sind. Eines davon ist der Tod. Im Nahen Osten ist er auch ein großes Thema, aber so anders als hier! In Holland ist der Tod immer öfter  erwünscht, und manche fordern das Recht, ihr Leben selbstbestimmt beenden zu können. Für mich ist das nachvollziehbar. Trotzdem stelle ich mir die Frage, was wohl los – oder verloren – ist in dieser Gesellschaft.

Gott sei Dank begegne ich auch Menschen, die sich dafür einsetzen, das Leben aller schöner zu machen. Viele von ihnen haben keine oder kaum eine Beziehung zur Kirche. Wir Kleinen Schwestern nehmen gerne an den verschiedenen und sehr bunten Initiativen unseres Viertels teil: zum Beispiel an Gebetstreffen mit Menschen aus der Regenbogenszene, die von der evangelischen Gemeinde organisiert werden.    

Die große Offenheit und Tabulosigkeit, die ich in meiner eigenen Kultur entdecke, stehen für mich nicht im Widerspruch zu den eher traditionstreuen Wegen der orientalischen Gesellschaft. Im Gegenteil, beides tut mir gut und bereichert mich.

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